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Las Gobas: Das Höhlendorf zwischen Krankheit, Verwandtenehen und Gewalt

Frau in Höhle malt Symbole mit Pinsel, hält Buch, Tablet zeigt Karte, alte Tontöpfe und Werkzeuge liegen am Boden.
In diesem Artikel
  1. Ein Dorf im Fels: So war Las Gobas angelegt
  2. Genetische Analysen: Las Gobas hatte kaum Kontakte nach aussen
  3. Krankheiten im Fels: Pocken und Erreger von Nutztieren
  4. Hinweise auf Gewalt und Konflikte innerhalb der Gemeinschaft
  5. Welche Bedeutung Las Gobas für die Mittelalterforschung hat

Zwischen Geröll, Knochenstücken und eingestürzten Kammern setzen Forschende nach und nach das Leben einer kleinen Siedlung zusammen, die über Jahrhunderte buchstäblich im Fels verborgen lag. Was auf den ersten Blick wie ein idyllisches Höhlendorf erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Ort von Krankheiten, Verwandtenehen und Konflikten innerhalb der Gemeinschaft – festgehalten in einer Zeitspanne vom 7. bis zum 11. Jahrhundert.

Ein Dorf im Fels: So war Las Gobas angelegt

In einer Bergregion im Norden Spaniens befindet sich das mittelalterliche Höhlendorf Las Gobas. Aus der Umgebung ragen zerklüftete Felsen empor, in die Menschen im frühen Mittelalter Kammern schlugen. Heute zählen Archäologinnen und Archäologen etwa ein Dutzend künstlich angelegter Grotten, die gemeinsam eine Art unterirdisches Dorf bildeten.

Einige dieser Hohlräume wurden eindeutig als Wohnstätten genutzt: Feuerstellen, schlicht befestigte Böden und Keramikfragmente weisen auf das Alltagsleben hin. Andere Kammern heben sich durch ihre Bauweise und ihre Lage deutlich davon ab. Forschende vermuten, dass sie folgenden Zwecken dienten:

  • Ritualräume für religiöse Handlungen
  • Treffpunkte für Versammlungen der Dorfgemeinschaft
  • Lagerräume für Vorräte und Geräte

Obwohl die Anlage klein ist, erscheint sie bemerkenswert geordnet. Die Bewohnerinnen und Bewohner nutzten die Höhlen nicht nach Belieben, sondern teilten ihnen feste Aufgaben für ihren Alltag zu – ähnlich wie in einem gewöhnlichen Dorf, nur eben im Fels.

Las Gobas veranschaulicht, wie eine winzige Gemeinschaft in ihrer abgeschiedenen Lage ein vollständiges eigenes Gefüge aus Wohnen, Glauben und Arbeit schuf – und dabei nahezu vollständig unter sich blieb.

Genetische Analysen: Las Gobas hatte kaum Kontakte nach aussen

Bei Ausgrabungen in Las Gobas kamen zahlreiche menschliche Überreste ans Licht. Für die aktuelle Studie untersuchten Fachleute 48 Knochenfragmente von insgesamt 33 Personen. Mithilfe moderner Datierungsmethoden wurden die Funde einer Nutzungszeit vom 7. bis zum 11. Jahrhundert zugeordnet – einer durchgehenden Besiedlung über mehrere Jahrhunderte.

Besonders aufschlussreich fallen die genetischen Befunde aus. Die Spuren im Erbgut deuten auf eine Bevölkerung hin, die sich über Generationen hinweg kaum veränderte. Beim Y-Chromosom, das Väter an ihre Söhne weitergeben, stellten die Forschenden über die Jahrhunderte nur geringfügige Unterschiede fest.

Daraus ergibt sich, dass die männlichen Linien nahezu unverändert blieben und nur selten Männer von ausserhalb zur Gemeinschaft hinzukamen. Ehen wurden hauptsächlich innerhalb derselben kleinen Gruppe geschlossen. Partner von ausserhalb oder zugewanderte Personen sind im genetischen Befund fast nicht erkennbar.

Verwandtenehen als Überlebensstrategie mit hohem Preis

Bei mehr als der Hälfte der untersuchten Personen finden sich deutliche Hinweise darauf, dass ihre Eltern miteinander verwandt waren. Einfach ausgedrückt: Viele Kinder hatten Eltern, die enger verwandt waren, als es in heutigen Gesellschaften üblich ist.

Für ein abgeschiedenes Dorf konnte dies zunächst eine pragmatische Möglichkeit sein, den Zusammenhalt zu sichern. Gibt es keine Nachbardörfer oder sicheren Reisewege, wird die Auswahl möglicher Partnerinnen und Partner stark eingeschränkt. Langfristig steigt dadurch jedoch die Anfälligkeit für bestimmte Erbkrankheiten, während die genetische Vielfalt abnimmt.

Die Forschenden deuten die engen Beziehungen innerhalb der Gruppe als unmittelbare Folge ihrer geografischen und sozialen Isolation. Offenbar war Las Gobas kein Ort, durch den Menschen regelmässig zogen, sondern eine Welt für sich.

Krankheiten im Fels: Pocken und Erreger von Nutztieren

Nicht nur die genetischen Muster, sondern auch die Knochen geben Aufschluss über die Gesundheit der Menschen. An mehreren Skeletten zeigen sich Spuren, die mit schweren Infektionskrankheiten vereinbar sind. Hinweise sprechen für eine frühmittelalterliche Form der Pocken – einer Krankheit, die Europa bis in die Neuzeit wiederholt verwüstete.

Menschen, die Pocken überstanden, behielten häufig Narben und Veränderungen an den Knochen zurück. Derartige Schäden wurden auch an Teilen des Materials aus Las Gobas festgestellt. Die Betroffenen lebten somit lange genug mit der Infektion, damit diese Spuren am Skelett hinterlassen konnte.

Hinzu kommen Hinweise auf Krankheiten, die von den gehaltenen Tieren ausgingen. Solche Leiden werden fachsprachlich als Zoonosen bezeichnet: Dabei springen Erreger vom Tier auf den Menschen über. Zu den typischen Kandidaten zählen Bakterien oder Viren, die beispielsweise unter Rindern, Schafen oder Ziegen zirkulieren.

Die Knochen berichten von einer Dorfgemeinschaft, die auf engem Raum mit ihren Nutztieren lebte – so eng, dass Erreger regelmässig die Grenze zwischen den Arten überschritten.

Für die Menschen in Las Gobas ergab sich damit eine doppelte gesundheitliche Belastung: die begrenzte genetische Vielfalt auf der einen und der dauernde Kontakt mit potenziell gefährlichen tierischen Erregern auf der anderen Seite.

Hinweise auf Gewalt und Konflikte innerhalb der Gemeinschaft

Die Grotten im Fels verraten nicht nur etwas über Krankheiten und Verwandtschaft, sondern auch über Auseinandersetzungen. An mehreren Schädeln finden sich Brüche, Risse und Löcher, die sich kaum durch Unfälle erklären lassen. Ihre Form passt eher zu Verletzungen durch Waffen.

Schlagspuren deuten auf Hiebe mit Klingenwaffen wie Schwertern oder langen Messern hin. Einige Brüche befinden sich an Stellen, die bei frontalen Auseinandersetzungen üblicherweise getroffen werden. In diesen Fällen ist es naheliegend, dass unmittelbare Kämpfe stattgefunden haben – möglicherweise innerhalb der kleinen Gemeinschaft.

Die Forschenden werten die Funde als Hinweise auf eine konfliktgeladene Anfangszeit der Siedlung. Später dürften sich die Verhältnisse beruhigt haben. Las Gobas war dann wohl vor allem der zentrale Wohn- und Arbeitsort einer kleinen bäuerlichen Gruppe, die Felder bestellte und Vieh hielt.

Was der Alltag im Höhlendorf wohl mit sich brachte

Zwar bleiben viele Einzelheiten ungeklärt, doch anhand der Funde lassen sich die Grundzüge des Alltags in Las Gobas nachzeichnen:

  • Wohnen auf engem Raum in kühlen, feuchten Grotten
  • Abhängigkeit von Ackerbau und Viehzucht in schwierigem Gelände
  • Dauernde Nähe zu Tieren im Stall und häufig unmittelbar bei den Wohnbereichen
  • Enge Bindung an Familie und Sippe bei kaum vorhandenen Aussenkontakten
  • Religiöse Rituale vermutlich unmittelbar im Fels, ohne eigene Kirchengebäude

Harte körperliche Arbeit, die abgeschiedene Lage und ein begrenzter Kreis möglicher Ehepartner prägten gemeinsam eine Gesellschaft, die nach innen stabil erschien und nach aussen nahezu unsichtbar blieb.

Welche Bedeutung Las Gobas für die Mittelalterforschung hat

Der Fundort eröffnet Forschenden die seltene Möglichkeit, das ländliche Leben im frühen Mittelalter abseits der Eliten zu rekonstruieren. Schriftliche Quellen jener Zeit handeln überwiegend von Königen, Klöstern oder grossen Adelsfamilien. Kleine bäuerliche Gemeinschaften wie jene von Las Gobas werden darin kaum erwähnt.

Genetik und Archäologie können diese Lücke füllen. Die Verbindung von Knochenanalysen, Fundgegenständen und Felsarchitektur zeichnet ein dichtes Bild einer Gemeinschaft, die sich im Schatten grosser Ereignisse behauptete – mit eigenen Regeln und Konflikten sowie eigenen Strategien gegen Hunger und Krankheit.

Darüber hinaus beleuchten solche Untersuchungen heutige Diskussionen über genetische Vielfalt und Verwandtschaftsstrukturen neu. In abgeschiedenen Regionen stellen sich vergleichbare Fragen, gleich ob im Mittelalter oder in heutigen Randgebieten: Wie kann eine Gemeinschaft über Generationen hinweg stabil bleiben, wenn ihre Kontakte zur Aussenwelt stark begrenzt sind? Und ab wann schlägt diese Stabilität in gesundheitliche Risiken um?

Höhlendörfer als Sonderfall mit typischen Merkmalen

Auf den ersten Blick erscheinen Höhlensiedlungen wie Las Gobas ungewöhnlich. Dennoch sind viele ihrer Merkmale kennzeichnend für ländliche Gesellschaften des frühen Mittelalters:

  • starke Bindung an wenige Familienverbände
  • enge Verbindung von Wohnraum, Arbeit und religiöser Praxis
  • grosse Abhängigkeit von den örtlichen Umweltbedingungen
  • eingeschränkte Mobilität und seltene Kontakte über grössere Entfernungen

Der Fels legt in Las Gobas lediglich offen, was in vielen Dörfern dieser Zeit verborgen blieb: ein Leben zwischen Nähe und Enge, Gemeinschaft und Konflikt sowie zwischen dem Schutz der Abgeschiedenheit und den Risiken eines genetisch und sozial abgeschlossenen Kosmos.

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Katharina Leitner

Katharina Leitner ist Expertin für österreichische Hotellerie und touristische Gastfreundschaft. Sie interessiert sich für die Geschichte des Hotel Aldershoff, sein gastronomisches Angebot und Ausflugsmöglichkeiten in der Umgebung.

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