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Römerkastell Vindolanda: Parasiten und der verborgene Alltag an der Grenze des Römischen Reiches

Archäologe in Arbeit mit Erde und Fundstücken bei Ausgrabung im Freien, Handschuhe tragen.
In diesem Artikel
  1. Die verborgene Geschichte im Latrinenabfluss von Vindolanda
  2. Wie drei Parasiten den Alltag beeinträchtigten
  3. Leben im Kastell: Familien ebenso gefährdet wie Soldaten
  4. Ein Problem der Grenze oder ein Muster im Römischen Reich?
  5. Was antike Abwässer modernen Städten erzählen

Archäologische Forschungen im Römerkastell Vindolanda, knapp südlich des Hadrianswalls in Nordengland, zeigen eine wenig sichtbare Seite des Lebens an der Grenze des Römischen Reiches: Soldaten und ihre Familien teilten den engen Raum nicht nur miteinander, sondern auch mit Würmern und über Wasser übertragenen Parasiten, die unbemerkt die ganze Gemeinschaft schwächen konnten.

Die verborgene Geschichte im Latrinenabfluss von Vindolanda

Vindolanda ist für seine hölzernen Schreibtafeln, Lederschuhe und außergewöhnlich gut erhaltenen Alltagsgegenstände bekannt. Weniger ansehnlich, aber ebenso aufschlussreich ist eine steinerne Latrine: Ihr Abfluss wurde zu einer Zeitkapsel antiker Krankheiten.

Im Jahr 2019 entnahmen Forschende der Universitäten Cambridge, British Columbia und Oxford entlang des Hauptabflusses der Latinenanlage aus dem dritten Jahrhundert 58 Sedimentkerne. Die Toiletten befanden sich neben einem gut dokumentierten Badehaus, das über einen Aquädukt versorgt wurde. Es gehörte zu einem offenbar fortschrittlichen Wassersystem, das Besucher aus dem römischen Verwaltungsapparat beeindruckt hätte.

Dieselbe Technik, die römische Ingenieurskunst zur Schau stellte, transportierte, konzentrierte und verteilte auch mikroskopisch kleine Bedrohungen mitten im Kastell immer wieder aufs Neue.

Das Team suchte unter dem Mikroskop nach den widerstandsfähigen Eiern von Darmwürmern, sogenannten Helminthen. Außerdem setzte es einen ELISA-Test ein, ein biochemisches Verfahren, das bis heute in Krankenhauslabors verwendet wird. Damit fahndeten die Forschenden im 1.800 Jahre alten Schlamm nach Spuren einzelliger Parasiten.

Bei der Analyse fanden sie Eier von zwei Würmern, die Menschen befallen:

  • Ascaris, ein großer Spulwurm, der häufig den Dünndarm infiziert.
  • Trichuris, auch Peitschenwurm genannt, der sich im Dickdarm ansiedelt.

Ascaris kam in 22% der Proben vor, Trichuris in 4%; eine Probe enthielt beide. Darüber hinaus ergab ein ELISA-Test einen positiven Befund für Giardia duodenalis, einen mikroskopisch kleinen Einzeller, der sich über verunreinigtes Wasser verbreitet. Es handelt sich um den ersten bestätigten archäologischen Nachweis von Giardia in Großbritannien.

Zusammengenommen weisen die drei Parasiten deutlich auf eine Belastung des Wohnumfelds mit Fäkalien hin – trotz der römischen Wasserleitungen und Abflüsse.

Wie drei Parasiten den Alltag beeinträchtigten

Ein gemeinsamer Weg: von der Latrine in den Mund

Nicht ihre Größe oder Gestalt verbindet Ascaris, Trichuris und Giardia, sondern der Weg, auf dem sie in den menschlichen Körper gelangen. Alle drei nutzen den sogenannten fäkal-oralen Übertragungsweg. Eier oder Zysten der Parasiten gelangen mit dem Kot einer infizierten Person nach draußen, verunreinigen Wasser, Lebensmittel oder Oberflächen und werden anschließend von einem anderen Menschen verschluckt.

Auf einem belebten Militärstützpunkt wie Vindolanda ließ sich dieser Kreislauf nur schwer unterbrechen. Männer, Frauen und Kinder wechselten ständig zwischen Unterkünften, Werkstätten, Badehaus und Toiletten. Wasserläufe führten zwar Abfälle ab, konnten dabei aber ebenso leicht mikroskopische Verunreinigungen verbreiten – besonders, wenn Überschwemmungen, überlaufende Anlagen oder mangelhafte Wartung die Grenze zwischen „sauberem“ und „schmutzigem“ Wasser verwischten.

Ascaris: ein unermüdlicher Eierproduzent

Der am Fundort nachgewiesene Spulwurm Ascaris lumbricoides befällt fast ausschließlich Menschen. Ein einziges Weibchen kann täglich bis zu 200.000 Eier abgeben. In feuchter Erde oder in Sedimenten überleben sie jahrelang. Werden die Eier verschluckt, schlüpfen die Larven im Dünndarm.

Ein starker Befall verursacht Bauchschmerzen und Verdauungsbeschwerden, manchmal auch einen Darmverschluss. Wandernde Würmer können sogar in die Gallengänge oder die Bauchspeicheldrüse eindringen und medizinische Notfälle auslösen – in einer Zeit, die noch keine Chirurgie im heutigen Sinn kannte. Für eine weit entfernt von großen Stadtzentren stationierte Garnison bedeutete das unter Umständen tagelanges Leiden und echte Lebensgefahr.

Trichuris: der stille Kräftezehrer

Trichuris trichiura, der Peitschenwurm, produziert weniger Eier – pro Weibchen meist rund 18.000 am Tag –, bleibt aber häufig jahrelang im Körper. Er setzt sich in der Schleimhaut des Dickdarms fest und nutzt Ressourcen seines Wirts. Die daraus entstehende Trichuriasis führt oft zu chronischem Durchfall, Erschöpfung und Blutarmut.

Am schwersten treffen die Folgen Kinder: Sie wachsen langsamer, haben weniger Energie und verfügen bei Krankheit oder in kalten Wintern über geringere Reserven. Für eine Grenzgemeinschaft, die von rationiertem Getreide und lokal gehaltenen Nutztieren lebte, konnte eine solche anhaltende Schwäche ebenso bedeutsam sein wie eine Schwertverletzung.

Giardia: ein Hinweis auf verunreinigtes Wasser

Giardia duodenalis fällt besonders auf, weil der Parasit unmittelbar auf eine Verunreinigung des Wassers verweist. Seine widerstandsfähigen Zysten überleben in Bächen, Kanälen und Vorratsbehältern. Nach dem Verschlucken besiedeln sie den Dünndarm und lösen wässrigen Durchfall, Krämpfe und starke Blähungen aus. Unbehandelt werden Infektionen häufig chronisch.

Für Erwachsene im Dienst bedeutete Giardia wiederkehrenden „Reisedurchfall“, lange bevor es modernen Tourismus gab. Bei Kindern führte der Befall zu Flüssigkeitsmangel, schlechter Nährstoffaufnahme und in manchen Fällen zu Entwicklungsproblemen. Der Studie zufolge trennten die Quellen und Kanäle, die Vindolanda versorgten, Trinkwasser und Abwasser nicht vollständig voneinander.

Giardia in Vindolanda zeigt, dass selbst eindrucksvolle Aquädukte nicht nur Lösungen sein konnten: Blieben Wartung und Hygiene hinter den technischen Ambitionen zurück, konnten sie auch als Übertragungswege dienen.

Leben im Kastell: Familien ebenso gefährdet wie Soldaten

Vindolanda war keine sterile, vom zivilen Leben abgeschottete Kaserne. Zwischen militärischer Ausrüstung fanden Archäologinnen und Archäologen Kinderschuhe, Frauenschmuck, Kochtöpfe und Vorratsgefäße. Die berühmten mit Tinte beschriebenen Täfelchen erwähnen neben Versorgungslisten und Dienstplänen auch Geburtstagsfeiern, Kleiderlieferungen und alltäglichen Klatsch.

Offiziell durften einfache Soldaten nicht heiraten. Funde belegen dennoch, dass Partnerinnen und Kinder mit ihnen zusammenlebten. So entstand eine kleine, aber dicht besiedelte Gemeinschaft, in der Latrinen, Brunnen, Küchen und Tierhöfe auf vielfältige Weise ineinandergriffen.

Der Parasitologe Piers Mitchell und seine Kolleginnen und Kollegen weisen darauf hin, dass vermutlich Kinder einen großen Teil der Belastung trugen. Heutige Studien aus Regionen, in denen Ascaris, Trichuris und Giardia weiterhin verbreitet sind, zeigen: Chronische Infektionen können das Längenwachstum hemmen, die Konzentration schwächen und die Anfälligkeit für andere Krankheiten erhöhen. Ein Kleinkind, das im Kastell Vindolanda umherlief, war ungefähr denselben unsichtbaren Gefahren ausgesetzt wie heute ein Kind in Teilen des globalen Südens ohne sichere sanitäre Versorgung.

Die Sedimentdaten deuten auf eine hohe Belastung hin. Manche Proben enthielten bis zu 787 Trichuris-Eier pro Gramm; das spricht dafür, dass viele Menschen gleichzeitig große Mengen an Parasiten ausschieden. Historischen Schätzungen zufolge waren im Römischen Reich zwischen 10% und 40% der Bevölkerung mit Darmwürmern infiziert – ein Wert, der zum Bild von Vindolanda passt.

Ein Problem der Grenze oder ein Muster im Römischen Reich?

Vindolanda ist kein Einzelfall. Vergleichbare Untersuchungen an römischen Militärstandorten wie Carnuntum in Österreich, Viminacium in Serbien und Bearsden in Schottland förderten immer wieder Ascaris und Trichuris zutage. Komplexere Parasiten, etwa Bandwürmer und Leberegel, treten an diesen nördlichen Standorten deutlich seltener auf.

Fundort Region Wichtigste Parasitenfunde
Vindolanda Nordengland Ascaris, Trichuris, Giardia
Carnuntum Österreich Ascaris, Trichuris
Viminacium Serbien Ascaris, Trichuris
Bearsden Schottland Ascaris, Trichuris

Dieses wiederkehrende Muster legt nahe, dass das römische Militärleben bestimmte ökologische Nischen schuf. Latrinen, Entwässerungsgräben, Gemeinschaftsbäder und überfüllte Unterkünfte ermöglichten es einigen wenigen widerstandsfähigen Arten, sich immer wieder auszubreiten. Andere blieben selten oder konnten im kälteren Klima nicht überleben.

In Vindolanda fiel dem Forschungsteam noch etwas auf: Es gab keine eindeutigen Hinweise auf zoonotische Parasiten, die unmittelbar von Tieren auf Menschen übertragen werden. Das ist bemerkenswert, weil Schweineknochen im archäologischen Fundmaterial häufig vorkommen und damit zeigen, dass Schweinefleisch regelmäßig auf dem Speiseplan stand.

Unter dem Mikroskop sehen die Eier von Ascaris und Trichuris bei Menschen und Schweinen fast gleich aus. Theoretisch könnten manche daher von Nutztieren stammen. Das Fehlen anderer typischer tierübertragener Parasiten deutet jedoch auf eine Infektionskette hin, die hauptsächlich von Mensch zu Mensch verlief. Wahrscheinlich trieben Menschen und nicht Schweine die Ausbreitung der Krankheiten voran.

Was antike Abwässer modernen Städten erzählen

Eine Stärke der Vindolanda-Studie ist ihre Methode. Das Forschungsteam entnahm Proben über die gesamte Länge des Abflusses statt nur an einer Stelle. So konnte es nachvollziehen, wie sich die Parasitenkonzentration veränderte und wie sich Abfälle durch das System bewegten. Damit lässt sich nicht nur rekonstruieren, wer infiziert war, sondern auch, wie wirksam die Abflüsse des Kastells Abfälle von den Wohnbereichen wegtransportierten – oder daran scheiterten.

Für heutige Epidemiologinnen und Epidemiologen erinnert die Latrine von Vindolanda an die moderne Abwasserüberwachung, mit der während der COVID-19-Pandemie die Ausbreitung von Viren verfolgt wurde. Die antiken Sedimente zeigen, dass sich Gesundheitsdaten schon immer in unseren Abwasserkanälen gesammelt haben. Heute stehen bessere Werkzeuge zu ihrer Auswertung zur Verfügung, doch das Grundprinzip ist gleich geblieben.

Die Studie eröffnet auch eine Perspektive auf aktuelle Debatten über sanitäre Versorgung in schnell wachsenden Städten weltweit. Römische Ingenieure konnten Aquädukte, Hypokausten und steinerne Toiletten bauen; trotzdem gediehen Parasiten, wenn Wartung, räumliche Enge und Wasserbeschaffung nicht mit dem Umfang der Infrastruktur Schritt hielten. Die Lehre gilt weiterhin: Rohre allein sichern die öffentliche Gesundheit nicht, wenn Systeme undicht oder überlastet sind oder von ihren Nutzerinnen und Nutzern nicht ausreichend verstanden werden.

Für Menschen, die sich für den römischen Alltag interessieren, bieten Darmparasiten eine andere Form der Sozialgeschichte. Sie zeigen, wer mit wem Raum teilte, wie Soldaten und Familien mit Wasser und Abfällen umgingen und welche Bereiche des Kastells tatsächlich gemeinschaftliche Treffpunkte waren. Künftige Forschungen in Vindolanda und anderen Kastellen könnten sogar die Parasitenbelastung verschiedener Einheiten, Dienstgrade oder Wohnviertel vergleichen und so eine mikroskopische Karte der Ungleichheit innerhalb der Grenzgemeinschaften des Reiches erstellen.

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Katharina Leitner

Katharina Leitner ist Expertin für österreichische Hotellerie und touristische Gastfreundschaft. Sie interessiert sich für die Geschichte des Hotel Aldershoff, sein gastronomisches Angebot und Ausflugsmöglichkeiten in der Umgebung.

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