Hier nimmt der tatsächliche elektrische Wandel der Luftfahrt seinen Anfang: Die große Insel am anderen Ende der Welt bietet ideale Bedingungen, um die Flugzeuge der Zukunft in die Luft zu bringen.
Die Luftfahrt hat einen zwiespältigen Ruf: Sie ist für das Funktionieren der Welt unverzichtbar, lässt sich aber nur schwer dekarbonisieren. Schätzungen zufolge trägt sie unter Berücksichtigung aller Faktoren zu 5 % zur Erderwärmung bei. Besonders in den vergangenen Jahren sind daher immer mehr Initiativen entstanden, die einen behutsamen Abschied vom Erdöl ermöglichen sollen. Dazu zählen futuristische, von der NASA unterstützte Flugzeugprojekte, das Wasserstoffflugzeug von H2FLY und die Dornier 228 von Zero Avia, die ebenfalls mit Wasserstoff betrieben wird. Sie alle verbindet eines: Entweder existieren sie noch nicht oder es handelt sich lediglich um Demonstratoren.
Air New Zealand, die nationale Fluggesellschaft eines vom Ozean isolierten Landes, ist hingegen bereits einen Schritt weiter. Mehrere „emissionsfreie“ Flugzeuge befinden sich in der Erprobung und absolvieren schon Testflüge, bei denen sie regionale Verbindungen bedienen oder leichte Fracht über Neuseeland transportieren.
Wasserstoff und Elektroantrieb: zwei unvollkommene, aber nutzbare Technologien
Seit November betreut Air New Zealand experimentelle Frachtflüge mit der ALIA CX300. Das vollelektrische Flugzeug stammt vom US-Unternehmen BETA Technologies. Es kann wie jedes andere mit Kerosin betriebene Flugzeug starten und landen und ist für die Nutzung bestehender Flughafeninfrastruktur ausgelegt. An Bord haben zwei Piloten Platz. Bei einer Ladeleistung von 65 kW ist es in 90 Minuten wieder aufgeladen, die Reichweite beträgt 400 km und das Ladevolumen lediglich 5,7 m³ (200 Kubikfuß). Verglichen mit anderen Frachtflugzeugen ist es damit winzig, für die geografischen Gegebenheiten Neuseelands jedoch bestens geeignet.
Darauf verweist auch Nikhil Ravishankar, CEO von Air New Zealand: „60 % der regionalen Flüge im Land sind kürzer als 350 Kilometer, und fast 85 % unseres Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen“, erklärt er. Deshalb sei das Land, ergänzt er, „ein ideales Labor für Flugzeuge der nächsten Generation“.
Presse-citron abonnieren
Air New Zealand erprobt Wasserstoff am Boden
Gemeinsam mit einem Konsortium aus Ingenieur- und Luftfahrtunternehmen entwickelt Air New Zealand außerdem neue Lösungen, um Wasserstoff als Flugzeugtreibstoff nutzbar zu machen. Dass er ein Flugzeug antreiben kann, ist bekannt: Seine massenbezogene Energiedichte ist fast dreimal so hoch wie jene von Kerosin. Allerdings hat Wasserstoff erhebliche Nachteile: Seine Lagerung ist teuer und seine Einbindung in bestehende Infrastruktur schwierig.
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen insbesondere neue Wasserstofftanks, die derzeit am Flughafen Christchurch auf der Südinsel getestet werden. Der Standort wurde gewählt, weil er Versuche dieser Art ermöglicht. Kommerzielle Flugverbindungen sollen damit noch nicht aufgenommen werden. Vielmehr geht es darum, die technische und betriebliche Machbarkeit von Wasserstoff unter realen Bedingungen zu überprüfen.
Hürden für die Energiewende in der Luftfahrt
Air New Zealand behauptet keineswegs, dass diese Versuche die Hindernisse für die Energiewende in der Luftfahrt auf magische Weise beseitigen. Dazu gehören etwa die Zertifizierung der Wasserstoffspeicher- und Versorgungssysteme, die Anpassung der vorhandenen Infrastruktur, industrielle Produktionskapazitäten in großem Maßstab und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Kerosin. Dennoch ist Air New Zealand die einzige Fluggesellschaft weltweit, die so viele konkrete Anstrengungen unternimmt, um den Wandel zu beschleunigen.
Auch wenn es naheliegt, die Versuche an Ergebnissen zu messen, die sie bislang noch nicht geliefert haben, sollte man nicht vergessen: Genau dieselben Vorwürfe trafen vor den 2010er-Jahren auch Elektroautos. Die Modelle waren zu teuer, ihre Leistung überzeugte vor dem Auftreten von Tesla nicht, die Reichweite war lächerlich gering und die Ladenetze waren unzureichend. Das entspricht mehr oder weniger dem, was heute über diese Flugzeuge der nächsten Generation gesagt wird. Geben wir der Entwicklung also etwas Zeit: Es spricht vieles dafür, dass die Luftfahrt denselben Weg einschlagen wird.






Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen