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Chinas Hochhäuser: Wie Übergabezusteller für andere Lieferfahrer arbeiten

Zwei Zusteller mit gelben Helmen tauschen Paket auf Balkon eines Hochhauses in der Stadt aus.
In diesem Artikel
  1. Ein neues Glied in der Lieferkette
  2. So funktioniert der ungewöhnliche Beruf
  3. Extreme Urbanisierung und zersplitterte Arbeit
  4. In jedem Gebäude eine Stadt
  5. Körperliche, psychische und rechtliche Risiken
  6. Was das Phänomen über die Zukunft der Städte verrät

In den endlosen Gängen chinesischer Megagebäude ist eine beinahe unsichtbare Figur zu einem wichtigen Bestandteil des beschleunigten Stadtalltags geworden.

In Städten wie Shenzhen haben riesige Hochhäuser, Essensbestellungen per App und erschöpfend lange Arbeitstage eine Tätigkeit hervorgebracht, die bis vor Kurzem kaum vorstellbar war: Zusteller liefern für andere Zusteller aus. Diesen Beruf gibt es nur, weil die Gebäude zu hoch und die verfügbare Zeit zu knapp geworden sind.

Ein neues Glied in der Lieferkette

Die Wohn- und Bürohochhäuser in Shenzhen können innerhalb einer einzigen Anlage aus Dutzenden Türmen mit insgesamt Hunderten Stockwerken bestehen. Für herkömmliche Zusteller bedeutet der Weg durch dieses vertikale Labyrinth, an Portieren und Drehkreuzen vorbei, in überfüllte Aufzüge und zu Bewohnern zu gelangen, die sich mit dem Öffnen Zeit lassen.

So wird aus jeder Zustellung, die eigentlich nur Minuten dauern sollte, eine kleine logistische Aufgabe. In dieser Effizienzlücke entsteht der „Übergabezusteller“: Er übernimmt die Bestellungen am Fuß des Gebäudes und bringt sie ins richtige Stockwerk oder direkt an die Wohnungstür, während der ursprüngliche Zusteller bereits zur nächsten Adresse eilt.

Diese neue Arbeit gibt es nur, weil die Stadt nach oben gewachsen ist und zugleich der Druck auf alle zugenommen hat, schneller zu werden.

Beschäftigt ist der Übergabezusteller nicht unmittelbar bei den Apps, sondern bei den Zustellern selbst. Sie zahlen ihm eine Art Servicegebühr, um Zeit zu sparen und pro Stunde mehr Fahrten zu schaffen.

So funktioniert der ungewöhnliche Beruf

In der Praxis richten diese Vermittler ihre „Stützpunkte“ in Eingangshallen oder auf Stockwerken ein, auf denen zwischen Aufzügen umgestiegen wird. Sie kennen das Gebäude bis ins Detail, ebenso wie die Stoßzeiten, die strengsten Sicherheitskräfte und mögliche Abkürzungen.

Der Ablauf folgt meist mehreren klaren Schritten:

  • Der App-Zusteller kommt am Eingang der Wohnanlage oder des Büroturms an.
  • Dort übergibt er die Bestellung an den Übergabezusteller, der für genau diese Adresse tätig ist.
  • Der Übergabezusteller fährt oder geht hinauf, übergibt die Bestellung dem Kunden und bestätigt die Zustellung in der App seines Kollegen.
  • Bezahlt wird nach vereinbartem Tarif pro Fahrt, für ein Paket oder schichtweise, meist über eine digitale Geldbörse.

Durch diese Arbeitsteilung entsteht eine Art „Fließband“ für Zustellungen, zugeschnitten auf die vertikale Struktur chinesischer Megastädte.

Warum Hochhäuser für Zusteller alles verändern

In einer Straße mit niedrigen Häusern stellt der Zusteller sein Fahrzeug ab, geht ein paar Meter und erledigt die Übergabe. In einem Turm mit 60 Stockwerken kann dagegen der Weg im Inneren länger sein als die Fahrt mit dem Motorrad bis zum Gebäude.

Langsame Aufzüge, Warteschlangen, der Wechsel zwischen Gebäudeteilen sowie Sicherheitssysteme mit QR-Codes und Gesichtserfassung erschweren den Ablauf zusätzlich. Jede Minute, die im Gebäude verloren geht, bedeutet am Tagesende weniger Fahrten und weniger Einkommen.

Wird das Gebäude zum Labyrinth, ist die genaue Kenntnis seines Inneren Geld wert – und kann zu einer Vollzeitbeschäftigung werden.

Extreme Urbanisierung und zersplitterte Arbeit

Das Phänomen veranschaulicht die gegenwärtige Phase der Urbanisierung in China. Städte wie Shenzhen, Shanghai und Guangzhou sind so rasch gewachsen, dass ganze Dienstleistungsökosysteme entstanden sind, deren einziger Zweck darin besteht, das Leben innerhalb der Gebäude in Bewegung zu halten.

In diesem Getriebe wird die Arbeit in winzige Aufgaben zerlegt. Wer das Motorrad fährt, steigt keine Stiegen hinauf. Wer die Stiegen hinaufgeht, fährt nicht mit dem Motorrad. Jede Person übernimmt nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Ablaufs.

Diese Aufspaltung steigert zwar die Effizienz, verstärkt aber auch das Gefühl unsicherer Arbeitsverhältnisse. Viele Übergabezusteller haben weder einen formellen Vertrag noch eine Anstellung bei den Plattformen. Sie arbeiten auf Abruf, ohne klar geregelten arbeitsrechtlichen Schutz.

Beteiligte Hauptaufgabe Zentrales Risiko
App-Zusteller Die Bestellung zum Gebäude bringen Zeitdruck und Verkehrsunfälle
Übergabezusteller Bestellungen innerhalb der Türme verteilen Übermäßig lange Stunden im Stehen und schwankende Bezahlung
Plattformen Bestellungen vermitteln und die Logistik abdecken Kritik an den Arbeitsbedingungen ihrer Partner

In jedem Gebäude eine Stadt

Zahlreiche chinesische Gebäudekomplexe funktionieren wie Kleinstädte: In den unteren Stockwerken liegen Einkaufszentren, darüber Büros und ganz oben Wohnungen. In einer einzigen Anlage leben und arbeiten Tausende Menschen.

Daraus entsteht eine ständige Nachfrage nach Zustellungen von Essen, Apotheken- und Lebensmittelwaren, Dokumenten und Paketen. Der Übergabezusteller ist dabei zugleich Lieferkraft und informeller Wegweiser. Er weiß, wo sich Turm A3 befindet, welcher Aufzug gewartet wird und welcher Bewohner Pakete immer beim Portier hinterlegen lässt.

Dieses praktische Wissen wird zum Kapital. Wer sich im Gebäude auskennt, wird von den Zustellern, die von außen kommen, häufig bevorzugt und kann seine Gebühren besser verhandeln.

Was Zustellungen „da oben“ einbringen

Die Beträge unterscheiden sich, doch Berichten zufolge werden viele Übergabezusteller nach Menge bezahlt. Für die Abrechnung gibt es etwa folgende Modelle:

  • eine feste Gebühr für jede Zustellung innerhalb des Gebäudes;
  • Pauschalen pro Schicht, etwa einen Betrag für den Einsatz zur Mittagszeit;
  • gesonderte Vereinbarungen mit Restaurants im Erdgeschoß, die den Weg nach oben auslagern.

Bei starkem Regen oder während Rabattaktionen der Apps steigt die Nachfrage sprunghaft. Dann wird die Arbeit beinahe zum Marathon: Dutzende Aufzugsfahrten, volle Gänge und Türklingeln, die ununterbrochen läuten.

Wenn die App meldet, die Bestellung sei „bereits am Gebäude angekommen“, sorgt oft erst diese anonyme Arbeitskraft für den restlichen Weg nach oben.

Körperliche, psychische und rechtliche Risiken

Stundenlanges Stehen, Wege durch Gänge und das Steigen über mehrere Treppenabsätze, wenn der Aufzug Verspätung hat, belasten den Körper. Knie, Rücken und Füße leiden darunter. Wer schwere Rucksäcke trägt, läuft durch die Ermüdung zudem eher Gefahr zu stürzen.

Der Druck, schnell zu sein, erzeugt weitere Belastungen: Verspätungen und Kundenbeschwerden gehören ebenso dazu wie Konflikte mit Sicherheitskräften und Auseinandersetzungen zwischen Zustellern, die innerhalb derselben Anlage um ihr Gebiet konkurrieren.

Hinzu kommt eine rechtliche Grauzone. In vielen Fällen scheint die Tätigkeit weder in Verträgen noch in Registern auf. Geschieht im Gebäude ein Unfall, kann zwischen Hausverwaltung, ursprünglichem Zusteller und Plattform ein Streit über die Verantwortung entstehen.

Was das Phänomen über die Zukunft der Städte verrät

Das Aufkommen dieses Berufs weist auf Entwicklungen hin, die für jedes große Stadtzentrum von Interesse sind, auch in Brasilien. Je stärker ganze Stadtviertel in die Höhe wachsen, desto weniger endet der „letzte Abschnitt“ der Zustellung am Gehsteig: Eingangshallen, Aufzüge und Portierstellen gehören dann ebenfalls dazu.

Das könnte neue Lösungen begünstigen, beispielsweise:

  • automatisierte Abholstationen in gemeinschaftlich genutzten Stockwerken;
  • Aufzugssysteme mit zeitlich begrenztem Zugang für Zusteller;
  • Kooperationen zwischen Wohnanlagen und Unternehmen für gebäudeinterne Logistik.

Werden solche Möglichkeiten nicht mitgedacht, dürfte ein Heer unsichtbarer Arbeitskräfte weiter wachsen. Diese Menschen sind Tag und Nacht in den Gebäuden unterwegs, ohne formelles Beschäftigungsverhältnis mit irgendeinem Beteiligten, und dennoch unverzichtbar dafür, dass das digitale Leben funktioniert.

Begriffe und Szenarien zum Verständnis

Zwei Konzepte helfen dabei, die Diskussion einzuordnen. Das erste ist die „letzte Meile“: In der Logistik bezeichnet der Ausdruck den letzten Abschnitt einer Zustellung vom Verteilzentrum bis zum Kunden. In chinesischen Hochhäusern ist zu dieser letzten Meile ein weiteres Stück hinzugekommen, nämlich der Weg vom Portier bis zur Wohnung.

Das zweite Konzept heißt „vertikaler Städtebau“. Statt sich horizontal auszubreiten, wird die Stadt gewissermaßen gestapelt. Mit jedem Stockwerk kommen weitere Ebenen der Bewegung und Kontrolle sowie mögliche Verzögerungen hinzu. Steigt das Zustellaufkommen, wird jedes Gebäudedetail – von der Geschwindigkeit des Aufzugs bis zur Gestaltung des Eingangsbereichs – zu einem tatsächlichen wirtschaftlichen Faktor.

Bei stärkerer Regulierung könnten Übergabezusteller formell in das System eingebunden werden: mit Sicherheitsschulungen, Einträgen in Listen der Hausverwaltung und Bezahlung nach transparenten Tarifen. In einem anderen Szenario bleiben sie in der informellen Arbeit, handeln jede Fahrt einzeln aus und beeilen sich ständig, um die nächste Bestellung nicht zu verpassen.

Wenn eine App das nächste Mal meldet, dass eine Mahlzeit „bereits am Gebäude angekommen“ sei, lohnt sich der Gedanke, dass dies mancherorts erst die halbe Strecke ist. Der letzte Abschnitt kann in den Händen einer Person liegen, deren Beruf vor wenigen Jahren noch gar nicht existierte – entstanden aus dem Zusammenspiel von Beton, Eile und Algorithmen.

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Katharina Leitner

Katharina Leitner ist Expertin für österreichische Hotellerie und touristische Gastfreundschaft. Sie interessiert sich für die Geschichte des Hotel Aldershoff, sein gastronomisches Angebot und Ausflugsmöglichkeiten in der Umgebung.

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